Warum Angst und Druck nicht biblisch sind

/ David Schäfer

Bäume

Sag mir, warum du über Jesus redest, und ich sage dir, wie deine Beziehung zu Gott aussieht: Unsere Motivation hat viel mit unserem Gottesbild zu tun.

Ich erinnere mich noch genau daran: Ich war zu Gast in einer Gemeinde und hatte dort gepredigt und dabei auch ein paar Geschichten aus unserer missionarischen Arbeit in Hamburg erzählt. Nach der Predigt kam eine Frau sichtlich bewegt auf mich zu und meinte: „Ich würde auch so gern so mit Menschen über den Glauben sprechen. Schließlich hat Jesus ja auch gesagt, dass er die vor dem Vater verleugnen wird, die ihn vor den Menschen verleugnen.“ Wow, da wusste ich erstmal nicht, was ich antworten sollte. Die Angst vor Verleugnung als Motiv dafür, von Jesus zu erzählen? Sicher, ich nehme die Worte von Jesus aus Matthäus 10,32 auch ernst, aber sollte wirklich Angst meine Motivation zum missionarischen Handeln sein?

Mit einem anderen Antreiber geht es mir ganz ähnlich. Auch er scheint sich auf eine Aussage von Jesus zu beziehen. Jesus spricht davon, dass jeder gute Baum gute Früchte trägt, aber ein fauler Baum schlechte Früchte. Dann sagt er: „Jeder Baum der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen“ (Mt 7,19). Nicht wenige Christen haben da beim Lesen schon gedacht: Au Mann, wenn ich keine guten Früchte trage, hackt mich Jesus irgendwann um. Also muss ich mich jetzt richtig anstrengen, gute Früchte zu tragen! Angst vor Strafe als Motivation, von meinem Glauben zu reden?

Reiner Gehorsam?

Und noch eine weitere Begründung für Evangelisation bereitet mir Bauchschmerzen. Auch sie bezieht sich auf ein Jesus-Wort: „Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wenn jemand mich liebt, so wird er mein Wort halten“ (Joh 14,21.23). Dazu habe ich Leute schon sagen hören: „Gottes Sprache der Liebe ist Gehorsam. So können wir ihm zeigen, dass wir ihn lieben.“ Heißt für sie in Bezug auf den Missionsbefehl: Wir müssen uns sehr anstrengen, ihn zu befolgen, damit Jesus sieht, dass wir ihn lieben. So wird Evangelisation mehr oder minder zu einem reinen Kraft- und Gehorsamsakt. Aber ist Gott wirklich ein mürrischer Befehlshaber, der uns zwar liebt, wenn wir den Missionsbefehl ausführen – aber wenn wir mal nicht gut drauf sind, einen Fehler machen oder nicht von ihm weitererzählen, sondern schweigen, dann steht er uns mit verschränkten Armen gegenüber und wartet darauf, dass wir endlich anfangen, von ihm zu reden? Für mich gehören solche Gottesbilder zu den Gründen, warum heute so wenige Leute von ihrem Glauben an Jesus erzählen. Wer in einer solchen Beziehung zu Gott lebt, wird wenig motiviert sein, von dieser Beziehung zu reden. Wie sollte ich begeistert von jemandem weitersagen, der mir Angst macht, mich unter Druck setzt und mürrisch Gehorsam fordert?

Gerade mal zehn Dollar?

Ich erinnere mich noch, wie ich in einem Gottesdienst einen englischsprachigen Prediger übersetzte. Er hielt ein evangelistisches Kurztraining und fragte dann die versammelte Gemeinde, wer das Ziel habe, seinen nichtchristlichen Bekannten von Jesus zu erzählen. Es meldete sich nur eine kleine Handvoll von Leuten. Sichtlich überrascht von dieser Reaktion erzählte er eine Geschichte: „Nehmen wir mal an, David würde mir zehn Dollar schenken. Und ich würde daraufhin meine Frau mitten in der Nacht anrufen, um ihr davon erzählen. Was würde sie wohl sagen? Richtig: ‚Und dafür rufst du mich mitten in der Nacht an und weckst mich?‘ Aber nehmen wir mal an, David würde mir eine Million Dollar schenken. Wie reagiert meine Frau wohl, wenn ich sie deshalb mitten in der Nacht wecke? Sie würde sich riesig mit mir freuen!“ Der Prediger wollte vermitteln, dass unsere Botschaft so großartig ist wie eine Million Dollar. Mein Eindruck war nur, dass diese Gemeinde so begeistert über das Evangelium war wie über ein Zehn-Dollar-Geschenk. Und dieses Maß an Begeisterung reichte als Motivation für Evangelisation nicht aus.

im Kleingedruckten

Das Problem dabei liegt meines Erachtens an unserem Verständnis vom Evangelium – und nicht am Evangelium selbst. Denn natürlich ist das Evangelium viel mehr wert als zehn Dollar. Unser Verständnis ist zu klein. Würde man heute Christen bitten, kurz und knapp das Evangelium zu erklären, würde man vermutlich so etwas hören wie: „Jesus Christus ist am Kreuz für unsere Sünden gestorben, sodass wer an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewig lebt. Dann kommt man nicht in die Hölle, sondern in den Himmel.“ Das Problem dabei liegt aber oft zum einen im Kleingedruckten und zum anderen in dem, was da noch fehlt. Nach dieser Kurzzusammenfassung wäre das Evangelium die Feuerversicherung gegen die Hölle und die Eintrittskarte in den Himmel. Im Kleingedruckten steht dann häufig, dass der restliche Weg hier auf Erden enorm anstrengend und schwierig ist. Denn Gott ist nur so lange der gnädige Vater, so lange wir noch nicht seine Kinder sind. Danach wird er schnell zum knickrigen Herrn, der genau hinschaut und uns auf jeden Fehler feinsäuberlich hinweist und uns mit Enterbung droht, wenn wir nicht fleißig von ihm weitererzählen. Aber zumindest, so denken wir, ist man dann nicht auf dem falschen Weg, der ins Verderben führt. Das Problem: Große Begeisterung kommt da nicht auf, Freiheit und Freude bleiben auf der Strecke und das Evangelium fühlt sich kein Stück wie eine gute Nachricht an. Das aber genau bedeutet „Evangelium“ doch: gute Nachricht.

Gott ist gerne gnädig

Eins der bekanntesten Gleichnisse von Jesus kann uns den Weg aus dieser Misere zeigen: das Gleichnis aus Lukas 15 über den guten Vater, der zwei so unterschiedliche Söhne hatte. Viele Christen gleichen mit ihrem angestrengten Ringen, alles richtig zu machen, die Regeln zu befolgen und ein guter Diener zu sein, sehr stark dem älteren Bruder. Aus seiner Sicht ist es total unverständlich, wie der Vater mit dem davongelaufenen und nun zurückgekehrten Sohn umgeht. Das kann man doch nicht machen! Das hat der doch gar nicht verdient: Er hat alles verprasst und Schande über sich und den Vater gebracht. Ihm selbst, dem daheimgebliebenen Sohn, gebührte doch eine solche Feier viel mehr. Er hatte doch immer hart gearbeitet. Nicht diesem Nichtsnutz. Wie konnte Gott so gnädig sein?

Aber genau diese Geschichte zeigt, wie Gott wirklich ist. Er ist eben gerne gnädig. Er schert sich nicht darum, was andere für richtig halten, er freut sich, wenn sein tot geglaubter Sohn wieder zu ihm, zum Leben, zurückkehrt. Er rennt – allen Traditionen und allen Konventionen eines Familienoberhaupts zum Trotz – seinem Sohn entgegen und umarmt ihn. Diese Rückkehr gilt es zu feiern! Nachdem der ältere Sohn seinem Ärger Luft verschafft hat, entgegnet der Vater: „Kind, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, ist dein.“ Das hatte der ältere Sohn offenbar nicht kapiert: dass er sich entspannen könnte, einfach weil er Kind des Vaters ist. Dass er gern auch feiern und alles genießen darf, was dem Vater gehört. Das hört sich alles so gar nicht nach dem schmalen steinigen Pfad an. Warum sollte das Leben freudlos, mühsam und angstbesetzt sein, wenn der eigene Vater gnädig und wohlgesonnen ist? In dieser Geschichte kommt auch das gelebte Hier und Jetzt im Haus des Vaters in den Blick – und nicht erst die Zeit dermaleinst, wenn wir im Himmel sind. Denn die Erfahrung zeigt: Nichtchristen fragen ganz oft gar nicht nach dem Leben nach dem Tod. Das ist für viele noch weit weg, das Leben im Hier und Jetzt ist schon schwierig genug. Die Liebe des Vaters und unsere Beziehung zu ihm macht aber auch im Hier und Jetzt schon einen Riesenunterschied!

Die Liebe zählt

Wenn wir tiefer verstehen, wenn wir erleben, wie gut das Leben mit dem liebevollen und gnädigen Vater hier und jetzt ist, dann haben wir mehr zu verkündigen als die Eintrittskarte in den Himmel. Das Evangelium ist die gute Nachricht, dass das ewige Leben schon hier und jetzt beginnt. Die gute Nachricht ist, „den einzigen wahren Gott, und den zu kennen, den du gesandt hast, Jesus Christus“ (Joh 17,3 NGÜ). Wer weiß, dass er ein geliebtes Kind ist, ohne etwas zu leisten, der lebt befreit und wird verändert. Wenn unsere Beziehung zu Gott die zu einem gnädigen, feiernden Vater ist, werden wir frei, zu erkennen, was wirklich zählt, und werden auch frei, uns zu ihm zu bekennen. Wer liebt, der tut aus Liebe und aus freien Stücken das, was dem anderen gefällt. Wenn wir in einer zutiefst liebevollen Beziehung zu Gott leben, handeln wir nicht, weil wir Gott irgendetwas beweisen müssten. In unserem Garten hinterm Haus steht ein alter Kirschbaum, der jedes Jahr im Frühjahr blüht und im Sommer Früchte trägt. Aber trägt er jedes Jahr Kirschen, um mir zu beweisen, dass er ein guter Kirschbaum ist? Natürlich nicht. Er trägt Kirschen, weil er ein guter Kirschbaum ist. Wir werden nicht zu einem guten Baum, indem wir uns anstrengen, Frucht zu tragen. Gott macht uns zu einem guten Baum. Und dann tragen wir von ganz allein gute Früchte.

Müssen wir Angst haben, dass Jesus uns vor dem Vater verleugnet? Ein Paradebeispiel im Hinblick aufs Verleugnen ist Petrus. Gleich dreimal hintereinander hat er nicht zu Jesus gestanden. Aber was tut Jesus daraufhin am See Tiberias? Macht er ihn einen Kopf kürzer? Schärft er ihm ein, sich ab jetzt aber wirklich anzustrengen, wenn Jesus noch mal ein Auge zudrückt? Nichts von alldem passiert. Jesus stellt die Frage, auf die es ihm so sehr ankommt: „Simon, liebst du mich?“ Die Liebe zählt. Nicht die Angst, nicht die Frucht, nicht der Gehorsam. Am größten ist die Liebe. Wer in einer Liebesbeziehung zum Vater lebt, wer sich sicher ist, ein geliebtes Kind des Vaters zu sein, der weiß, wie genial dieses Geschenk ist. Die Beziehung zum Vater begeistert und motiviert, von ihr zu schwärmen.

Schon fast zu gut

Solange wir Christen schwanken „Er liebt mich, er liebt mich nicht, er liebt mich, er liebt mich nicht“, solange eine Schuld gleich alles in Frage stellt, solange Angst und Druck herrschen statt die Liebe – solange werden wir nicht die Begeisterung über das Evangelium, über unsere Beziehung zu Gott erleben. Vor einiger Zeit war ich mit anderen Christen auf einer Esoterikmesse, um mit den Besuchern, die dafür offen waren, zu beten und über Jesus zu reden. Ich sprach mit einem jungen Mann, der offenbar durch seine christliche Vorprägung ein verzerrtes Bild von Gott hatte. Ich sagte ihm: „Ich weiß nicht genau, was du für ein Gottesbild hast, aber Gott liebt dich total. Du kannst nichts tun, damit Gott dich weniger oder mehr liebt. Die beste Tat der Welt bewirkt nicht, dass er dich mehr liebt. Genauso kannst du nichts tun, dass er dich weniger liebt.“ Daraufhin sah er mich an und sagte: „Das ist ja echt eine gute Nachricht!“ Genau, das ist sie! Ein Nachricht, die schon fast zu gut ist, um wahr zu sein. Dieses Evangelium, diese gute Nachricht, dieser Jesus hat die Kraft, uns zu verändern. Wenn wir aus tiefstem Herzen sagen: „Ich habe das Genialste auf der Welt, das gebe ich für nichts auf der Welt mehr her!“, dann ist der nächste Schritt nicht mehr weit: zu sehen, dass die Menschen um uns herum dieses Evangelium, diese Veränderung, diese Beziehung, diesen Jesus genauso brauchen.

Dieser Artikel ist auch im Brennpunkt 2018-02 auf Seite 10 zu finden.

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