Heute noch Apostel?

/ Wolfgang Klöckner

Apostel (©fxquadro - depositphotos.com

Josef, Judas, Jakobus: Sie und andere werden im Neuen Testament Apostel genannt, obwohl sie nicht zum Zwölferkreis gehörten.

Während man in evangelikalen Gemeinden oft von Pastoren (lateinisch Hirten), theologischen Lehrern oder Evangelisten hört, scheint es kaum Propheten oder Apostel zu geben. Mitunter werden sie sogar ausdrücklich abgelehnt. Das ist durchaus verwunderlich, bedeutet doch das lateinische Lehnwort Missionar dasselbe wie das griechische Wort Apostel – nämlich Gesandter. Und die Existenz von Missionaren ist schließlich unbestritten …

Missbrauch der Gabe

Warum wird bezweifelt, dass es die Apostelgabe in Gemeinde und Mission heute noch gibt bzw. dass sie notwendig ist? Manchmal lässt sich dahinter die Angst vor einem Missbrauch der Gabe erkennen – weil man etwa Apostel erlebt oder von ihnen gehört hat, die als Machtmenschen auftraten, eine Anhängerschaft hinter sich scharten (wie in der charismatischen Bewegung immer wieder geschehen) oder die gar als Heilsvermittler gelten wie z.B. in der Neuapostolischen Kirche.

Biblische Belege

Hier ist es entscheidend, klar zwischen dem Apostolat der zwölf Jünger von Jesus (zu denen Matthias als Ersatz für Judas hinzustieß, Apg 1,21-26) und weiteren damaligen wie heutigen Aposteln zu unterscheiden. Dass es auch damals schon weitere Menschen mit apostolischer Begabung und Funktion gab, belegen beispielsweise diese Stellen: Paulus zählt in 1. Korinther 15,5-8 etliche „Zeugen der Auferstehung“ auf: zunächst die „Zwölf“, dann einige andere und schließlich „alle Apostel“ und sich selber. Andere Bibelstellen (z. B. Offb 21,14) zeigen, dass die „zwölf Apostel“ eine einzigartige Körperschaft bilden.

Im Sendschreiben an Ephesus (Offb 2,2) wird die Gemeinde gelobt, weil sie selbsternannte Apostel geprüft hat – was offenbar nicht so einfach war. Zu dieser Zeit, gegen Ende des 1. Jahrhunderts, lebte von den Zwölfen wohl nur noch Johannes, also muss es andere gegeben haben. Abgesehen von den Zwölfen werden im Neuen Testament nicht weniger als 13 Personen als Apostel bezeichnet.

Apostel abgelöst?

Manche begründen ihre Ablehnung heutiger Apostel mit Epheser 2,20 und 3,5. Sie argumentieren, Apostel und Propheten hätten als autoritative Offenbarungsträger die Grundlage der Gemeinde gelegt – nämlich die neutestamentlichen Schriften. Nach deren Abfassung seien aber Hirten, Lehrer und Evangelisten an ihre Stelle getreten. Epheser 4,12f zufolge sind jedoch sämtliche in Epheser 4,11 genannten fünf Gaben des erhöhten Herrn notwendig „zur Ausrüstung der Heiligen für das Werk des Dienstes, für die Erbauung des Leibes Christi, bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zur vollen Mannesreife, zum Maß der vollen Reife Christi.“ Dieser Zustand der Vollkommenheit des Leibes Christi ist aber zweifellos noch nicht erreicht. Hinzukommt, dass die in Epheser 4 erwähnten Apostel eindeutig nicht die ursprünglichen Zwölf sein können, da sie eine Gabe des verherrlichten Herrn an die Gemeinde nach seiner Himmelfahrt sind (Eph 4,8).

Neues pflanzen

An dieser Stelle möchte ich die Frage stellen, ob nicht manche Fehlentwicklung und Unausgewogenheit in der Christenheit – allgemein wie auch in lokalen Gemeinden – daher rühren könnte, dass man diese fünf grundlegenden Gaben nicht gleichermaßen anerkennt und Raum zu ihrer Entfaltung gibt. Meist werden einige verdrängt und andere überbetont. Dieser Gedanke führt mit Blick auf die Apostelgabe noch zu einer weiteren Beobachtung: Apostel sind diejenigen, die den Grund legen (Eph 2,20) und Neues pflanzen (1Kor 3,6). Das geschah m. E. einmalig (z. B. durch die Briefe des Paulus), aber eben auch immer wieder, wenn das Reich Gottes sich ausbreitet in Nationen, Volksgruppen oder auch durch neue Bewegungen des Evangeliums. Hier sind immer Apostel maßgeblich aktiv, denken wir beispielsweise an die iro-schottischen Mönche in Zentraleuropa, John Knox in Schottland, John Wesley in England, Hudson Taylor in China bis hin zu zeitgenössischen Beispielen wie Jossy Chacko in Nordindien (www.empart.de), den ich persönlich kennenlernen konnte. Danken wir dem Herrn der Gemeinde für diese Gabe und geben denen, die offensichtlich eine apostolische Gabe haben, den Freiraum, sie auszuüben!

Dieser Artikel ist auch im Brennpunkt 2018-01 auf Seite 6 zu finden.

Bildnachweis: ©fxquadro - depositphotos.com

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